Maria: Eine italienische Gastarbeiterin findet Jesus

Das hätten Marias Eltern sich bei ihrer Geburt wohl nicht träumen lassen, dass das Grab ihrer Tochter einmal über 2 000 km von ihrem Geburtsort entfernt sein würde. Aber in fast 85 Jahren kann viel passieren. Was in diesen 85 Jahren im Leben meiner Großmutter geschah, möchte ich in kurzen Zügen wiedergeben.

Kindheit und Jugendzeit in Sizilien

Maria wurde Ende der zwanziger Jahre in einer kleinen Stadt mitten in Sizilien als viertes von neun Kindern geboren. Langweilig wurde ihr unter der großen Geschwisterschar sicherlich nie und auch auf der Straße waren immer Spielkameraden zu finden. Beliebt waren Kreisspiele, bei denen gesungen wurde (Un circolo tondo, bambini giochiamo, siamo tutti contenti, la marcia faciamo. Lalala…).

Eine ältere Schwester und ein jüngerer Bruder starben schon früh, was besonders für ihre Mutter schwer zu verkraften war. Meine Oma hat mir erzählt, dass ihre Mutter manchmal weinend an der Schublade stand, in der sich die Sachen der verstorbenen Schwester befanden.

Marias Familie hatte außerhalb der Stadt landwirtschaftlichen Besitz, der von ihrem Vater und ihren Brüdern bewirtschaftet wurde. Die Zeiten waren nicht leicht, vor allem, als Italien in den 2. Weltkrieg eintrat. Deshalb musste Maria nach nur wenigen Jahren die Schule verlassen, um zu Hause im Haushalt mitzuhelfen. Ihre Hauptaufgabe war das Kochen der Mahlzeiten für die zahlreichen Familienmitglieder. Nach ihrem Tod habe ich ihre Rezeptsammlung gefunden und möchte in mehreren Posts einige ihrer Rezepte vorstellen.

Da Maria ein sehr hübsches Mädchen bzw. junge Frau war, fanden sich schon bald die ersten Verehrer ein. Ihr Vater wehrte diese jedoch stets ab, weil er der Meinung war, die ältere Schwester solle zuerst verheiratet werden. Es gibt eine Anekdote, nach der wohl schon die Verlobungsfeier angefangen haben soll und der Vater erst dann merkte, dass der nette junge Mann die jüngere und nicht die ältere Tochter heiraten wollte. So wurde das Ganze wieder abgeblasen.

Irgendwann wurde Marias Vater bewusst, dass sich kein Mann für die ältere Schwester interessierte und bekam Angst, die zweite Tochter würde ebenfalls leer ausgehen, wenn er immer alle Verehrer abwies.

Maria wird flügge

Bei einem Tanzabend im Haus eines Freundes warf ein junger Mann ein Auge auf Maria. Er ließ anfragen, ob Interesse an einer Verbindung bestünde. Zwar gefiel er Maria äußerlich nicht besonders, aber da seine Familie einen guten Ruf hatte und man in Erfahrung brachte, dass er sehr fleißig sei, stimmte man einer Verlobung zu. Da war Maria 18 Jahre alt.

Sowohl Maria als auch ihr zukünftiger Mann kamen aus kleinbürgerlichen Familien, die etwas auf sich hielten. Marias Verlobter und sein Vater besaßen mehrere Ländereien, auf denen sie Obst und Gemüse anbauten und wo sie für die Ernte auch Tagelöhner anstellten. Somit war die finanzielle Zukunft von Maria gesichert.

Die Hochzeit fand ein Jahr später nach italienischem Brauch statt. Ein Onkel, der in die USA ausgewandert war, hatte Maria das schönste Brautkleid zugeschickt, das sie je gesehen hatte und das wohl so in ihrer Stadt nicht zu bekommen war. Mit einer Messe in der katholischen Kirche begann das Fest. Das gehörte sich so, auch für Menschen, die wie Maria sonst wenig mit Religion zu tun hatten. Anschließend wurde mit Freunden und Verwandten gefeiert.

Das junge Ehepaar bezog ein Reihenhaus mitten in der Stadt. Meine Oma hat mir immer erzählt, dass sie nachts kalte Füße gehabt habe und dass mein Opa dann gesagt habe: „Komm, ich wärme dir deine Füße.“

Maria achtete immer sehr auf ihr Äußeres und hatte sich schon früh eine Dauerwelle verpassen lassen. Auch ihren Mann kleidete sie nach der Hochzeit erst einmal neu ein, denn sie fand seine bisherige Kleidung viel zu altmodisch und geschmacklos.

Maria kochte so gut, dass ihr Mann schon bald an Gewicht zunahm. Bei seiner Mutter hatte es ihm nie besonders gut geschmeckt, sodass er ziemlich dürr war. Nun war er glücklich, eine so gute Köchin geheiratet zu haben.

Kurz nacheinander bekamen die beiden 2 Töchter. Eine davon ist meine Mutter. Später gesellte sich noch ein Sohn zur Familie.

Aufbruch in eine neue Welt

Aufgrund der Konkurrenz aus dem Ausland lohnte sich die Landwirtschaft in Sizilien ab Ende der Fünfziger Jahre finanziell nicht mehr. Da kam es Maria und ihrem Mann gerade recht, dass Deutschland Gastarbeiter anwarb. Nachdem Marias Mann einige Zeit alleine in Deutschland gearbeitet hatte, siedelte Anfang der Sechziger Jahre die ganze Familie um. Maria fand schnell eine Stelle in der Firma, in der auch ihr Mann tätig war. Beide waren sehr fleißig und konnten sich schon bald ein eigenes Häuschen mit Garten leisten. Leider hatten sie dadurch weder viel Zeit für ihre Kinder, noch Zeit, die deutsche Sprache richtig zu lernen. Bis zu ihrem Lebensende sprachen beide nur gebrochenes Deutsch. Eins war Maria jedoch immer wichtig: Dass zu Hause ein gutes Essen auf den Tisch kam. Beim Kochen ließ sie sich auch nicht gerne stören.

Maria arbeitete hart bis zu Rente. Inzwischen hatte sie schon mehrere Enkelkinder. Auch diese kamen in den Genuss ihrer Kochkünste. Ich kann mir heute immer noch vorstellen, wie es nach leckerem Essen roch, wenn wir sie besuchten und höre im Geiste das italienische Stimmengewirr, von dem ich damals kein Wort verstand. Es war eine heimelige und gemütliche Atmosphäre. Im eigenen Garten zogen Maria und ihr Mann Gemüse. Die Tomaten wurden zu Tomatensoße verarbeitet.

Leider hatte Maria bis dahin nichts vom Glauben an Jesus wissen wollen. Einige ihrer Geschwister und auch ihre Mutter waren in die USA ausgewandert und hatten sich dort bekehrt. Auch Marias Tochter, meine Mutter, hatte bei einem Besuch in Amerika zum lebendigen Glauben an Jesus gefunden. Doch Maria blieb hartnäckig.

Der Lebensabend

Ein schwerer Schlag war es für Maria, als ihr Sohn mit nur 40 Jahren verstarb. Das war für sie sehr schwer zu ertragen. In der Zwischenzeit war zudem ihr Mann pflegebedürftig geworden, was für Maria mit viel Aufwand verbunden war. Sie pflegte ihn aufopferungsvoll zu Hause.

In dieser Zeit fing sie an, sich für den Glauben zu interessieren. Ihre Tochter besorgte ihr eine italienische Bibel, die Maria mit großem Interesse las. Sie begann mit dem neuen Testament und war ganz begeistert davon, welch ein guter Mensch Jesus gewesen war. Als sie zu der Stelle mit der Kreuzigung kam, war sie äußerst betrübt und rief ihre Tochter an. Sie konnte es einfach nicht verstehen, wie man so böse zu einem guten Menschen sein konnte. Doch sie las weiter und freute sich wie ein Kind, als sie erfuhr, dass Jesus auferstanden war. In Italien hatten die Priester den Katholiken verboten, in der Bibel zu lesen, sodass Maria nicht viel Ahnung über deren Inhalt hatte. Irgendwann kam der Tag, an dem Maria Jesus ihr Leben übergab und ihm ihre Sünden bekannte. Sie war unbeschreiblich glücklich.

Mit 76 Jahren bekam Maria einen Schlaganfall, durch den sie halbseitig gelähmt wurde und dauerhaft im Bett bleiben musste. Sie wurde dann, wie auch ihr Mann, von ihrer Tochter gepflegt. Wenige Monate später starb ihr Mann.

Maria hörte fast den ganzen Tag eine Hörbibel. Dies wurde ihr nie zu viel. Sie lernte auch einige christliche Lieder, die sie gerne mit mir zusammen sang. Einmal sagte sie zu mir: „Weißt du, wo Jesus ist? Er ist ganz nah bei mir. Unter meiner Bettdecke.“

Nachdem Maria 8 Jahre lang bettlägerig gewesen war, holte Jesus sie kurz vor ihrem 85. Geburtstag in den Himmel.

Eines ihrer Lieblingslieder hieß:

Io viaggio per la città del cielo,

E Gesù mi accompagnerà;

Non m’importa quel che il mondo mi dice,

Io son sicuro che il Signore è con me.

Ei mi dice con la Sua voce sottile:

„Non temere, io son con te,

Fino alla fine“.

Io viaggio per la città del cielo,

E Gesù mi accompagnerà.

Übersetzung: Ich reise nach der Himmelsstadt und Jesus begleitet mich. Egal, was die Welt mir sagt, ich bin sicher, weil Jesus mit mir ist. Er sagt mir mit seiner sanften Stimme: „Fürchte dich nicht, ich bleibe bei dir bis zum Ende.“ Ich reise nach der Himmelsstadt und Jesus begleitet mich.

Maria: A guest worker in Germany who stayed

Maria’s parents could hardly have imagined at her birth that their daughter’s grave would one day be located over 2,000 km from her birthplace. But a lot can happen in almost 85 years. I would like to briefly recount what happened in those 85 years in my grandmother’s life.

Childhood and Youth in Sicily

Maria was born in the late 1920s in a small town in the middle of Sicily as the fourth of nine children. She certainly never got bored with such a large number of siblings, and there were always playmates to be found on the street. Popular games included circle games where they sang (Un circolo tondo, bambini giochiamo, siamo tutti contenti, la marcia faciamo. Lalala…).

An older sister and a younger brother died early, which was particularly hard for her mother to cope with. My grandmother told me that her mother sometimes stood crying at the drawer where the deceased sister’s belongings were kept.

Maria’s family owned agricultural land outside the city, which was managed by her father and brothers. Times were tough, especially when Italy entered World War II. As a result, Maria had to leave school after just a few years to help out at home. Her main task was cooking meals for the numerous family members. After her death, I found her collection of recipes and would like to share some of them in several posts.

Since Maria was a very pretty girl and young woman, admirers soon began to appear. However, her father always turned them away, believing that the older sister should marry first. There is an anecdote that the engagement party had supposedly already started when the father realized that the nice young man wanted to marry the younger daughter, not the older one. So the whole thing was called off.

At some point, Maria’s father realized that no man was interested in the older sister and became afraid that the second daughter would also be left without a husband if he kept rejecting all the young men.

Maria flies out of the nest

At a dance evening at a friend’s house, a young man took a liking to Maria. He inquired if there was any interest in a relationship. Although Maria wasn’t particularly attracted to him, his family had a good reputation, and it was found out that he was very diligent, so they agreed to an engagement. Maria was 18 years old at the time.

Both Maria and her future husband came from respectable lower-middle-class families. Maria’s fiancé and his father owned several pieces of land where they grew fruits and vegetables and hired day laborers for the harvest. Thus, Maria’s financial future was secured.

The wedding took place a year later according to Italian tradition. An uncle who had emigrated to the USA had sent Maria the most beautiful wedding dress she had ever seen, one that probably couldn’t be found in her town. The celebration began with a mass in the Catholic church. This was customary, even for people like Maria who otherwise had little to do with religion. Afterwards, they celebrated with friends and family.

The young couple moved into a townhouse in the middle of the city. My grandmother always told me that she had cold feet at night and that my grandfather would say, “Come, I’ll warm your feet.”

Maria always paid great attention to her appearance and had gotten a perm at an early age. She also dressed her husband in new clothes after the wedding because she found his previous clothing too old-fashioned and tasteless. Maria cooked so well that her husband soon gained weight. He had never particularly enjoyed his mother’s cooking, so he was quite thin. Now he was happy to have married such a good cook.

Shortly thereafter, the couple had two daughters. One of them is my mother. Later, a son joined the family.

Departure into a New World

Due to competition from abroad, agriculture in Sicily was no longer financially viable from the late 1950s. It was just as well for Maria and her husband that Germany was recruiting guest workers. After Maria’s husband had worked alone in Germany for some time, the whole family moved in the early 1960s. Maria quickly found a job at the company where her husband also worked. Both were very hardworking and were soon able to afford their own house with a garden. Unfortunately, this meant they had little time for their children or to properly learn the German language. Until the end of their lives, both spoke only broken German. However, one thing was always important to Maria: that a good meal was served at home. She did not like to be disturbed while cooking. Maria worked hard until retirement. By then, she already had several grandchildren. They too enjoyed her cooking skills. Even today, I can still imagine the delicious smell of food when we visited her and hear the Italian chatter, of which I understood not a word. It was a homely and cozy atmosphere. In their own garden, Maria and her husband grew vegetables. The tomatoes were made into tomato sauce.

Sadly, Maria had not wanted to know anything about faith in Jesus until then. Some of her siblings and even her mother had emigrated to the USA and had converted there. Maria’s daughter, my mother, had also found a living faith in Jesus during a visit to America. But Maria remained persistant.

The later years

It was a heavy blow for Maria when her son passed away at the age of only 40. This was very difficult for her to bear. In the meantime, her husband had also become in need of care, which involved a lot of effort for Maria. She devotedly took care of him at home.

During this time, she began to take an interest in faith. Her daughter got her an Italian Bible, which Maria read with great interest. She started with the New Testament and was very excited about what a good person Jesus had been. When she reached the part about the crucifixion, she was extremely distressed and called her daughter. She simply couldn’t understand how anyone could be so cruel to such a good person. But she continued reading and was as happy as a child when she learned that Jesus had risen. In Italy, priests had forbidden Catholics from reading the Bible, so Maria had little knowledge of its contents. Eventually, the day came when Maria gave her life to Jesus and confessed her sins to him. She was indescribably happy.

At the age of 76, Maria suffered a stroke that left her paralyzed on one side and bedridden. She was then cared for by her daughter, just like her husband. A few months later, her husband passed away.

Maria listened to an audio Bible almost all day long. She never got tired of it. She also learned some Christian songs that she loved to sing with me. Once, she said to me, “Do you know where Jesus is? He is very close to me. Under my blanket.”

After being bedridden for 8 years, Jesus took her to heaven shortly before her 85th birthday.

One of her favorite songs was (translation from Italian):

I am traveling to the heavenly city and Jesus accompanies me.

No matter what the world tells me, I am safe because Jesus is with me.

He tells me with His gentle voice: ‘Do not be afraid, I will stay with you until the end.’

I am traveling to the heavenly city and Jesus accompanies me.

Veröffentlicht von happyhenni

Ich bin Christin, verheiratet und Mutter von 3 Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter.

7 Kommentare zu „Maria: Eine italienische Gastarbeiterin findet Jesus

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